Textanfänge können als Schlüssel zum Verständnis literarischer Werke und auch ihres literaturhistorischen Orts dienen. So verweist das für unmittelbar nach 1945 veröffentlichte Kurzgeschichten typische unvermittelte Einsetzen der Handlung ‚in medias res‘ auf die kulturpolitische Ideologie einer ‚Stunde Null‘, die sich der Illusion einer völligen literaturgeschichtlichen Voraussetzungslosigkeit hingibt. Dieses von zentralen Vertretern etwa der literaturpolitisch wichtigen ‚Gruppe 47‘ vertretene Programm des ‚Kahlschlags’ räumt dabei nicht nur mit Propaganda und ‚Schönschreiberei‘ während der NS-Diktatur auf, sondern verweigert sich unter neorealistischem Vorzeichen auch Traditionen der Moderne. Im Workshop wollen wir demgegenüber der Vielfalt der Nachkriegsliteratur (von 1945 bis in die 1970er Jahre) nachgehen, indem wir gemeinsam Textanfänge analysieren und weiterspinnen. Der Workshop ergänzt den Vortrag zum gleichen Thema.
apl. Prof. am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt am Main; 2001 Promotion an der Universität Tübingen ("Poetologie der Distanz. Die 'klassische' deutsche Elegie 1750-1800"); 2001-2007 Wiss. Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv Marbach, Mitherausgeber der Tagebücher von Harry Graf Kessler; 2011-2012 Junior Fellow des Alfried-Krupp Wissenschaftskollegs Greifswald (Monographie "Die vergessene Moderne. Deutsche Literatur 1930-1960"); 2012 Habilitation an der Universität Marburg ("'Kunstleben'. Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes"); zahlreiche Publikationen zur Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart