apl. Prof. Dr. Jörg Schuster
apl. Prof. am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt am Main; 2001 Promotion an der Universität Tübingen ("Poetologie der Distanz. Die 'klassische' deutsche Elegie 1750-1800"); 2001-2007 Wiss. Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv Marbach, Mitherausgeber der Tagebücher von Harry Graf Kessler; 2011-2012 Junior Fellow des Alfried-Krupp Wissenschaftskollegs Greifswald (Monographie "Die vergessene Moderne. Deutsche Literatur 1930-1960"); 2012 Habilitation an der Universität Marburg ("'Kunstleben'. Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes"); zahlreiche Publikationen zur Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Beiträge
Kaum eine literaturgeschichtliche Epoche zeichnet sich durch einen so problematischen Anfang aus wie die deutsche Nachkriegsliteratur. Dies gilt umso mehr, als zentrale Vertreter etwa der literaturpolitisch wichtigen ‚Gruppe 47‘ mit großem Pathos eine ‚Stunde Null’ proklamieren. Dadurch kommt es zum Ausblenden der eigenen Vorgeschichte im NS-Deutschland (häufig als Wehrmachtssoldaten und bereits literarisch Publizierende) und zur Illusion einer tabula rasa, eines vermeintlich voraussetzungslosen Neubeginns aus sich selbst heraus. Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass die sich durch ihr unvermitteltes Einsetzen ‚in medias res‘ auszeichnende Kurzgeschichte die paradigmatische Gattung nach 1945 darstellt. Was verraten also Textanfänge – insbesondere von kürzeren und längeren Prosatexten – über die Epoche? Der Vortrag wird durch einen anschließenden Workshop ergänzt.
Textanfänge können als Schlüssel zum Verständnis literarischer Werke und auch ihres literaturhistorischen Orts dienen. So verweist das für unmittelbar nach 1945 veröffentlichte Kurzgeschichten typische unvermittelte Einsetzen der Handlung ‚in medias res‘ auf die kulturpolitische Ideologie einer ‚Stunde Null‘, die sich der Illusion einer völligen literaturgeschichtlichen Voraussetzungslosigkeit hingibt. Dieses von zentralen Vertretern etwa der literaturpolitisch wichtigen ‚Gruppe 47‘ vertretene Programm des ‚Kahlschlags’ räumt dabei nicht nur mit Propaganda und ‚Schönschreiberei‘ während der NS-Diktatur auf, sondern verweigert sich unter neorealistischem Vorzeichen auch Traditionen der Moderne. Im Workshop wollen wir demgegenüber der Vielfalt der Nachkriegsliteratur (von 1945 bis in die 1970er Jahre) nachgehen, indem wir gemeinsam Textanfänge analysieren und weiterspinnen. Der Workshop ergänzt den Vortrag zum gleichen Thema.